Auferstehung, nicht am Tod vorbei

Sie pflegen das Schweigen, wenn sie beten, auch wenn es in ihnen schreien mag. Und sie beten, selbst wenn nichts zu machen ist, gar nichts, ausser dem Schweigen Raum zu geben, damit Ohnmacht sich nicht selbst überlassen bleibe. Kerzen zünden sie an für verletzte, erschossene, erdrückte, zerfetzte, psychisch traumatisierte Menschen, wo immer. Seit der Eröffnung des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine vor vier Jahren treffen sich Menschen aus der Region immer wieder für diesen einen Moment im Chor der Kirche Nidau. Mal sind es mehrere, mal sind es wenige, mal sind es die Gleichen, mal kommen auch neue Menschen hinzu.

Zündhölzer braucht niemand der Teilnehmenden. Licht ist schon da. Wie erleichternd, noch im Schmerz! Und Kerzen, die angezündet werden, sind «Licht vom Licht» wie die im Friedensgebet bezeugten Menschenleben «Leben vom Leben» sind. Dieselbe Geste spricht beim Entflammen von Taufkerzen für Täuflinge oder von Gedenkkerzen für Verstorbene. Immer ist es dasselbe Osterlicht, das wir mit der Welt teilen, immer derselbe Ruf ins Leben: «Christus ist auferstanden!»

 Der Ruf als Ruf ist wesentlicher als das Reden von Gott, das sich von ihm ableitet. Als Ruf ist der Ruf weder Erklärung noch Lehre, allenfalls springt er in unser Alltagsbewusstsein hinein… oder er nistet sich ein und macht sich allmählich breit. Was wir sehen, riechen, hören, erleben wir dann möglicherweise durchdrungen vom Ruf. Vielleicht sogar uns selbst. Und ebenso das, was uns fordert, schmerzt, enttäuscht oder die Kräfte raubt.

Es kann uns bewusstwerden: Tod kommt nicht erst nach dem Sterben. Er ist alltäglicher. Der Riss im Leben zeigt sich, wenn wir unheilvoll mit uns selbst und miteinander umgehen. Er geht auch durch Milch und Brot und durch all das, was wir essend und trinkend «konsumieren», ohne es als Lebensmittel wertzuschätzen.

Dieser Riss geht durch uns, wenn wir sie als «Produkte» verbrauchen ohne uns bewusst zu machen, mit wie vielen Menschen wir im Essen verbunden sind – mit denen, die gesät, geerntet und das Gewachsene auf den Markt gebracht haben. Der Riss geht durch uns, wenn uns das Bild, das wir uns über jemanden machen, lieber ist als zu erfahren, wer wirklich dahinter zu finden ist. Was zusammengehört wird aufgerissen, wo wir uns im Denken, Reden und Handeln entlang der Linie «Wir sind anders als die anderen» bewegen. Glaube fühlt sich dann unter Umständen sogar berufen, sich mit Nationalismen gleichzuschalten. Und Kain tötet wieder und wieder.

Beziehungslosigkeit schafft – in biblischer Sprache – Tod. Was uns im Einzelnen begegnet, ist lebendiges Leben, immer dasselbe «ur-sprüngliche» Leben. Kerzen, die in Nidau für Menschen anderswo angezündet werden, drücken Verbundenheit aus, die schon da ist. Vielleicht sind sie ein Anfang einer «Verwandlung in Kraft» – jenseits der lähmenden Gegensätze von Macht und Ohnmacht?

Urs Zangger, Pfarrer

Hinweis: Der Leitartikel wurde kurz vor Redaktionsschluss am Freitag, 27. Februar 2026 verfasst (und somit vor dem Angriffskrieg der USA und Israel gegen den Iran).

Bildlegende:

Bewegung ins Leben: Christus zieht Adam und Eva aus dem Machtbereich von Folter und Tod. (Foto: Urs Zangger)

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