Der Lebenskreis in vier Tagen

Leitartikel zu Ostern und Karwoche

Man spricht im Zusammenhang mit Ostern oft über Auferstehung, Neubeginn, Frühlingsanfang, Ferienzeit. Für mich ist aber Ostern unzertrennlich von der Karwoche, die zuvor stattfindet. Als Kirchenmusikerin erlebe ich diesen besonderen Zeitpunkt im Kirchenjahr vielleicht intensiver als die meisten Leute. Auch dieses Jahr werde ich von Gründonnerstag bis Ostern sechs Gottesdienste musikalisch begleiten. Jedes Jahr erlebe ich aufs Neue, wie eindrücklich die Kar- und Osterwoche auf mich wirken – wie ein ganzes Leben mit seinen dunkelsten Tiefen und hellsten Höhen, konzentriert über ein paar Tage. Ein Symbol für den Lebenskreis vom Tod bis zum Neubeginn.

Ich habe das Glück, dass ich in verschiedenen Kirchgemeinden musikalisch tätig sein darf, unter anderem auch bei der Christkatholischen Kirchgemeinde in Solothurn. Dort wird der «Hohe Donnerstag» nach einer bestimmten Liturgie gefeiert. Am Ende der Feier wird der Altar abgeräumt, alle dekorativen Gegenstände werden bedeckt und die Orgelklänge verstummen. Dies bleibt so bis zur Osternacht und bis zum Ruf, der die Auferstehung ankündigt. Ein eindrücklicher Moment!

Wenn ich jeweils die Kirche am Gründonnerstag in gedämpfter Stimmung verlasse, empfinde ich in der Luft oft eine Spannung, wie ein Summen, als würden alle Knospen an den Bäumen diese Spannung in sich tragen. Den Karfreitagsgottesdienst in der reformierten Kirche empfinde ich dann umso eindrücklicher. In Nidau, beim imposanten grossen Holzkreuz in der Kirche, kann man ein Holzstück niederlegen – ein Ritual, sozusagen seine Sorgen abzulegen.

Das Osterfeuer in der Osternacht ist ebenfalls ein starkes Symbol. Seit Jahren mache ich meinen eigenen «Pilgerweg» mit dem Osterlicht, das ich vom Osterfeuer in Oberwil bei der Kirche entzünde und danach zu Fuss durch den Wald nach Büren trage, wo damit die dortige Osterkerze angezündet wird. Vor zwei Jahren habe ich dabei etwas Seltsames erlebt, was mir in meinen über 20 Jahren Tätigkeit noch nie passiert ist: In der Osternacht in Solothurn bläst der Wind plötzlich das Licht der Osterkerze aus. Am nächsten Morgen früh in Oberwil löscht sich die Osterkerze aus unerklärlichen Gründen mitten im Gottesdienst. Dann in Büren geht das Licht der Kerze, die ich vom Oberwiler Osterfeuer mitgebracht habe, beim Übertragen durch ein plötzliches Schütteln der Hand ebenfalls aus.

Was hatte das wohl zu bedeuten? Es kam mir vor wie ein Zeichen – fällt unsere Welt und die Menschheit mit all ihren Ereignissen wirklich aus der Bahn? Als dann im Dezember in Oberwil das Kerzenlicht aus Bethlehem ebenfalls ausging, sagte ich zu unserer Pfarrerin: «Weisst du was, es bleibt uns wirklich nur eines übrig, wenn das Licht ausgeht: WIR müssen es wieder anzünden!» Gott kann nur durch uns Menschen wirken. ER hat nur unsere Hände.

Sally Jo Rüedi, Musikverantwortliche und Organistin in unserer Kirchgemeinde

Bildlegende: Das Osterlicht, das Sally Jo Rüedi in ihrem Einsatz jeweils trägt. (Foto: Sally Jo Rüedi)

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