Riaz und Reh Soya an der serbisch ungarischen grenze, Herbst 2019

Was sehen wir, wenn wir hinschauen?

Was sehen Sie im Bild, liebe Leserin, lieber Leser?

Ich sehe einen jungen Mann, der inmitten einer kargen Landschaft vor einem verfallenen Gebäude innehält, um ein Rehkitz zu streicheln.

Das Foto ist im Rahmen der Ausstellung «Spuren der Flucht» in der Stadtkirche Biel noch bis am 3. Juli zu sehen. Der Bieler Fotojournalist Klaus Petrus dokumentiert in seiner Arbeit Fluchtwege über den Balkan in die EU und die Schweiz.

Klaus Petrus porträtiert in diesem Foto einen jungen Mann auf der Flucht. Der Mann ist mit Hoffnung auf ein besseres Leben im Gepäck unterwegs – und in den Moment der Begegnung mit dem Rehkitz vertieft. Klaus Petrus’ Fotografien zeigen Menschen, die kochen, spielen, lachen, Alltag leben. Dabei ertragen sie Gewalt, Ausgrenzung und Perspektivenlosigkeit. Es sind Fotos voller Gleichzeitigkeiten und Grautöne, die unsere Vorstellungen von «Flüchtlingen» herausfordern.

Statt Masse und Dramatik sehen wir im Foto Zärtlichkeit, Ruhe, Aufmerksamkeit. Das Bild unterläuft unsere Erwartungen – und macht den Menschen sichtbar.

Jedes Jahr erinnert der Flüchtlingssonntag Ende Juni daran, dass Millionen Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Auch in Nidau und Biel fanden diverse Anlässe statt, um auf das Thema aufmerksam zu machen und Begegnungen zu ermöglichen.

Die Zahlen zu Flucht sind bekannt, die Bilder auch – und genau darin liegt die Herausforderung. Je vertrauter uns ein Thema erscheint, desto grösser die Gefahr, dass wir aufhören, wirklich hinzusehen. «Die Flüchtlinge» werden zur Kategorie – und Kategorien schaffen Distanz. Was dabei verloren geht, ist das Wesentliche: der Mensch dahinter.

Doch wie lässt sich dieser Blick auf den Menschen bewahren – in einer Zeit, in der Debatten über Flucht oft von Angst, Überforderung oder politischen Schlagworten geprägt sind?

Klaus Petrus spricht hier vom Ansatz der «radikalen Menschlichkeit». Damit meint er den Versuch, im anderen konsequent sich selbst zu sehen – einen Menschen, und nichts darüber hinaus.

Ich sehe darin eine Einladung: Menschlichkeit beginnt im Versuch, einander nicht zuerst als Kategorie zu begegnen, sondern als Menschen, die hoffen, leiden, lachen, unterwegs und da sind – genau wie wir selbst.

Anna Schiltknecht, Mitarbeiterin Sozialdiakonie*

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Freitag, 3. Juli, 19.30 Uhr

Stadtkirche Biel

Finissage der Fotoausstellung von Klaus Peters mit Konzert des Mundart-Rappers Nativ Eintritt frei, Kollekte, Richtpreis CHF 20.-

Die Foto-Ausstellung ist noch bis am 3. Juli täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet.

*Die Grundlage für diesen Leitartikel bildete das Interview «Seht den Menschen», von Gabriela Allemann (Leiterin Arbeitskreis für Zeitfragen Biel) mit dem Fotojournalisten Klaus Petrus. Das Interview ist im Magazin Vision 2035 des gleichnamigen Vereins (www.vision2035.ch) erschienen.

Hoffnungsvoll – Unterwegs – Da! Die Leitwörter der Kirchgemeinde Nidau waren übrigens für die ersten Gedanken zum Thema «Bilder der Flucht» zentral: Menschen (mit und ohne Fluchtgeschichte) sind hoffnungsvoll, unterwegs und da.

Wer sich für die Unterstützung geflüchteter Menschen im Raum Biel interessiert: Verein «Alle Menschen. Tous les êtres humains»  –

Bildlegende:

Spuren der Flucht. Foto: © Klaus Petrus

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