„Ich finde es toll, dass du nochmal studierst – aber warum ausgerechnet so etwas Uncooles wie Theologie?“, so die Reaktion meines damals 13-jährigen Sohnes auf meinen Entschluss, das Ithaka-Studium in Angriff zu nehmen, ein verkürztes Theologiestudium für Interessierte mit Berufserfahrung und Hochschulabschluss.
Neutral nehmen es die wenigsten auf, wenn ich erzähle, dass ich auf dem zweiten Bildungsweg Theologie studiere bzw. inzwischen im Pfarramt gelandet bin. Sowohl mit der Fraktion derer, die Gott und Kirche „uncool“ oder „einen alten Zopf“ finden, wie auch mit denen, die christlich oder spirituell beheimatet sind, gibt mein Berufswechsel von der Archäologie ins Pfarramt Anlass zu Fragen und Diskussionen.
„Mich dünkt eben, dass in der alten und manchmal ein bisschen verstaubten Kirche noch wertvollere Schätze auszugraben sind als in urzeitlichen Dörfern oder Friedhöfen“, gebe ich dann jeweils gerne zu bedenken. „Die Schaufel habe ich allerdings weggelegt, die Erkenntnis kommt ja nun ‚von oben‘ und nicht mehr von unten; ich muss einfach offen sein und warten können“, ergänze ich mit einem Augenzwinkern. Tools gibt es trotzdem: Die Bibel ist eine Art Schatzkarte, genau so aber auch Begegnungen und Gespräche mit anderen Menschen – den Pfarrberuf macht gerade diese Kombination so attraktiv und ja – auch abenteuerlich.
Die Erfahrungen aus früheren Schichten meines Lebens, wenn ich mal so „archäologisch“ sprechen darf, möchte ich keinesfalls missen. Die lebhaften Vorstellungen über die Entwicklungsgeschichte der Menschen an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten ebenso wie den geübten Umgang mit historischen Quellen aus meiner Zeit als Kulturvermittlerin im Archäologiemuseum «Laténium». Oder die körperlich herausfordernde Arbeit auf der modernen archäologischen Ausgrabung des Steinzeitdorfs beim Walserplatz in Biel im Jahr 2019, gemeinsam mit Bauarbeitern, Baggerführern, Lastwagenchauffeuren. Meine leuchtend-orange «Arbeiterhose» vom Kanton schützt mich auch heute noch vor Nässe und Kälte beim Velofahren – und verbindet mich emotional mit anderen Menschen, die diese Schutzkleidung tragen. Nicht zuletzt prägte mich meine Zeit als Familienfrau und Mutter von drei inzwischen erwachsenen Kindern: Ich habe gestillt, ermutigt, ermächtigt kritisch begleitet und mich selbst kritisieren lassen, vermittelt, geströstet, diskutiert und dazu den Haushalt geschmissen.
Alles zusammen sind unbezahlbar wertvolle Lehrplätze, die sich fürs Pfarramt fruchtbar machen lassen.
Etwas vom Beglückendsten am Quereinstieg in einen neuen Beruf ist das Auffinden von Querbezügen durch alle Schichten des vorangegangenen Lebens hindurch. Der Neuanfang beginnt nicht bei Null und ist trotzdem ein neuer Anfang mit dem speziellen Zauber, der allen Anfängen eigen ist.
Ina Murbach, Pfarrerin
Bildlegende: Schichten des Lebens sind unbezahlbar wertvolle Lehrplätze. (Foto: Unsplash).
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Interview mit Ina Murbach zu ihrem Start in der Kirchgemeinde Nidau

