Nähe und Verantwortung – ein Lernweg

Kirche ist ein Ort der Begegnung. Menschen teilen hier Glauben, Hoffnung, Zweifel, Freude und Verletzlichkeit. Daraus wächst Vertrauen – und genau dieses Vertrauen macht kirchliche Räume wertvoll, aber auch sensibel. Aufgrund von Skandalen in kirchlichen Kreisen stellen sich Fragen nach Nähe, nach Grenzen und nach verantwortungsvollem Handeln. In den vergangenen Monaten haben Mitarbeitende der Kirchgemeinde Nidau an einer Fachtagung zu Machtmissbrauch sowie zu sexuellem und spirituellem Missbrauch teilgenommen. Diese Tagungen waren herausfordernd und lehrreich. Sie haben mir persönlich gezeigt, wie sehr sich diese Themen im Bereich des Ungefähren und Unklaren bewegen können und wie notwendig ein reflektiertes Unterwegssein ist.

Im kirchlichen Alltag wirken Rollen, Fachwissen, Sprache und geistliche Deutungen. Wir begleiten Menschen in Lebensfragen und werden als Vertrauenspersonen wahrgenommen. Diese Verantwortung soll tragend und ermöglichend sein.

Dabei wurde mir bewusster, wie wichtig Aufmerksamkeit gerade dort ist, wo Nähe in Institutionen als hilfreich erlebt wird. Das heisst Nähe, die nicht geklärt ist, Rollen, die verschwimmen, oder Situationen, in denen Irritationen nicht ausgesprochen werden, können verletzend sein.

Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen verlangt Mut zur Selbstkritik und eine Kultur der «Besprechbarkeit». Eine Kirche, die glaubwürdig sein will, muss bereit sein, hinzuhören und eigenes Handeln immer wieder zu prüfen. Nicht Misstrauen soll aber unser Handeln leiten, sondern Aufmerksamkeit, Fachlichkeit und Verantwortung füreinander – und für jene, die uns anvertraut sind.

Gleichzeitig ist uns wichtig, dass diese Auseinandersetzung nicht abstrakt bleibt. In der Kirchgemeinde Nidau planen wir bereits konkrete Schritte: Leitende Freiwillige werden wir sensibilisieren, und bei Anstellungen wird ein Sonderstrafregisterauszug verlangt. Auf kantonaler Ebene wird derzeit ein Verhaltenskodex erarbeitet.

Zudem werden die Kirchgemeinden durch Fachstellen sowie durch einen Krisenstab der Kantonalkirche Refbejuso unterstützt. Darüber hinaus stehen mit der Opferhilfe Bern oder der Fachstelle Lantana unabhängige Anlaufstellen zur Verfügung. Sie sind kostenlos, vertraulich und unterstützen Betroffene unabhängig von kirchlichen Strukturen. Für mich ist klar geworden: Dieses Thema darf kein einmaliges bleiben Wie an der Schulung der Fachstelle «MachtRaum» gesagt wurde: «Im kirchlichen Umfeld ist ein Kulturwandel notwendig.» Eine Kultur zu verändern erfordert Zeit. Die Veränderung beginnt jedoch mit dem Gespräch, mit Wachsamkeit und mit der Fähigkeit, sich selbst in Frage zu stellen. Als Kirche sind wir aufgerufen, diesen Weg verantwortungsvoll zu gehen – auch im Sinne der Ebenbildlichkeit Gottes – lernend, wachsam und mit dem Ziel, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich sicher fühlen und in ihrer Würde und Selbstwirksamkeit geachtet werden.

Christina von Allmen, Sozialdiakonin und Co-Geschäftsleiterin

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